Im Herbst letzten Jahres waren wir auf einer Urlaubsreise, weit weg von Zuhause. Und wenn ich weit weg schreibe, dann meine ich nicht etwa die Ostsee, bei der die Wahrscheinlichkeit, Kolleg*innen aus dem Büro, Bekannte oder Nachbar*innen zu treffen bei etwa 90% liegt. Nein, ich meine wirklich weit weg. Und doch: mitten im Fahrstuhl begegneten wir einem Ehepaar aus unserer Straße. Der Kontakt beschränkte sich bisher auf ein kurzweiliges „Hallo“ und „Guten Tag“ – wir erlebten im Fahrstuhl also alle unseren gemeinsamen, intensivsten Moment. Der Stille und Enge geschuldet, berichtete ich von den Gedanken unseres Mehrparteienhauses, einmal ein Nachbarschaftsfest zu veranstalten. Binnen Bruchteilen von Sekunden erstrahlten die Augen der uns gegenüberstehenden Menschen in Freude, fast einer kleinen Aufregung, während zeitgleich die Worte „Auf jeden Fall! Unbedingt! Das wäre toll!“ erschallten.
Und wenn ich ehrlich bin: war es vielleicht genau die Reaktion dieser Urlaubsbegegnung, die wenige Wochen später meinen Sohn und mich die ersten Einladungsflyer in den Briefkästen verteilen ließen. Das ist nun knapp ein Jahr her und in wenigen Tagen steht das 3. Fest, auf Wunsch der Nachbar*innen, vor der Tür.
Dabei hielten wir es stets schlicht und simpel: Eine lange Tafel auf einem Parkplatz. ein Pavillon, ein Grill, etwas Kinderspielzeug und ein Buffet das von jeder und jedem befüllt werden kann (und meistens so voll steht, dass ganze Städte sich noch wochenlang davon ernähren könnten).
Mir und uns war jedoch nicht klar, welche Folgen diese Feste haben könnten.
So, what happened?
Einige Monate nach dem ersten Fest berichteten mir Nachbar*innen, die selbst zum Tag des ersten Festes verhindert waren, es hätte sich etwas in der Straße verändert. Es fänden viel mehr Zaungespräche statt, man rede wieder mehr miteinander, das Grüßen sei herzlicher oder findet überhaupt statt. Dieses Feedback plättete mich total – sollte das wirklich auf ein lapidares Fest zurückzuführen sein?
Vor dem zweiten Fest, welches wir dieses Mal direkt an der Tag der Nachbarschaft koppelten, spürte man Aufregung auf und abwärts der Häuser. Immer wieder wurde die aushängende Liste der Zusagen und „Wer bringt was mit“-Kategorie von vielen Leuten genau unter die Lupe genommen. Bereits beim Aufbau am Vormittag schaute man vorsichtshalber schon einmal vorbei, tat seine Vorfreude kund oder packte mit an. Es meldeten sich mehr Menschen, als beim ersten Durchgang an. Es war keiner dieser Veranstaltungen, bei denen man erst Stunden nach Beginn kam – sondern lieber überpünktlich. Selbst der Radlader einer Familie trumpfte für die Kinder geschmückt auf und unterhielt den ganzen Abend mit Rundfahrten. Unser Schorschi, jetzt im festen Inventar. Das „Du“ wurde schnell zur Standard-Anrede, bei einem Quiz zum eigenen Wohnort in fremden Teams diskutiert – und am Ende ein feuchtfröhlicher Abend mit Gesängen, Tänzen und großartigen Erinnerungen zwischen jung und alt. Und am nächsten Morgen der gemeinsame Abbau mit Kater.
Nach diesem zweiten Fest war kurz vor der Fußball-Europameisterschaft und aus einer Jux-Idee entwickelte sich schnell ein tatsächliches „Public Viewing“ der Straße. Und dann zeitnah danach, man wolle nicht ein Jahr auf das nächste Fest warten. Fast täglich kann man mittlerweile beobachten wie Lebensmittel getauscht, Kaffeerunden, Einladungen und Gespräche am Zaun stattfinden.
Andere Menschen, die danach fragen, was dieses Nachbarschaftsfest sei und ob man dort vorbeikommen könne. Und es berührt immer noch.
Unsere Gesellschaft ist unsicher, einsam, mit Zukunftsängsten besetzt. Wir haben Angst vor dem Fremden, vor den Fremden. Dabei uns häufig sogar der eigene Nachbar fremd ist. Wir verrohen, sagt man. Wir können uns nicht mehr aufeinander verlassen, sagt man.
Und dann beobachtet man die Wahlergebnisse im Fernsehen – und wundert sich kaum noch.
Ich glaube nicht, dass Nachbarschaftsfeste oder eine bundesweite Party unsere gesellschaftlichen Probleme lösen werden, die ein Drittel der Menschen in die Fänge nationalsozialistischer Parteien treiben. Aber ich kann beobachten, wie wir uns im nahen Umfeld gegenseitig Sicherheit gegen die Angst, Gespräche gegen die Einsamkeit und Verrohung und Begegnungen gegen die Fremde eintauschen können. Und das ohne einen intensiven Ehrenamtsposten. Sondern einfach mit dem, was man am Wochenende eh mit Freunden häufig tut – nur dieses Mal gemeinsam und ohne Anreiseweg.
