Wenn ich mich in meiner „Lieblingsgesprächsform“, dem so genannten „Smalltalk“, mit fremden Menschen befinde, treten mir genau zwei Arten von Meinungen der Gesprächspartner gegenüber. Ganz egal ob Mitfahrer, Friseur, betrunkener Partygast oder ehemaliger Schulkamerad, scheinbar gibt es nur zwei Möglichkeiten, der Tatsache dass ich Sozialarbeiter (im Bereich der Behindertenhilfe) bin, entgegenzutreten. Ich selbst weiß nicht, welche der beiden mir tatsächlich besser gefällt oder schmeichelt.
Ich stelle mir einen Kandidaten bei „Wer wird Millionnär?“ mit Günther Jauch vor und bin mir sicher, das es eigens für die Frage: „Jemand erzählt Ihnen, er sei Sozialarbeiter – wie reagieren Sie richtig?“ nur zwei Antwortmöglichkeiten zur Verfügung stehen würden. Und beide bei Beantwortung mit einem grünen Hintergrund beleuchtet werden würden.
Antwort A: „Echt? Das könnte ich nicht. Das stelle ich mir wirklich sehr anstrengend vor!“
Du kannst dir also einen Job nicht vorstellen, weil er anstrengend ist. Mhh, nun ja.
Meiner Meinung nach sollte jede Berufsausübung einen gewissen Grad an Anstrengung besitzen, sei es körperlicher oder geistiger Natur. Ein bestimmter Beruf ist also nicht das richtige für dich, weil er anstrengend ist – ich wiederhole diesen Fakt immer und immer wieder in meinem Kopf. Dabei stelle ich mir die Person vor, wie sie mit Seifenblasen pusten Geld verdient, doch auch das ist nach acht Stunden vielleicht nicht mehr die leichteste Übung. Vielleicht hättest du C-Promi werden sollen oder einfach nur reich heiraten.
Ich drehe die Medaille um.
Ich liebe meinen Job sehr, insbesondere meine Klienten. Und das sind Menschen mit einer meist geistigen Beeinträchtigung. Und nein, sie schreien mir nicht den ganzen Tag ins Ohr, sie versuchen auch nicht mir Arme oder Beine abzubeißen und sie drücken sich auch nicht den ganzen Tag über zusammengewürfelte Wort- und Buchstabenkonstellationen (EH EH EH ADKFKSD HALLO HALLO EH EH FGKERGK) aus. Warum zur Hölle sollte mein Beruf also viel anstrengender sein als so viele andere?
ANTWORT B: „Ach, das ist doch gar keine richtige Arbeit, das kann doch jeder mit ’nem gesunden Menschenverstand.“
Zunächst einmal möchte ich nicht abstreiten, dass ein wenig „gesunder Menschenverstand“ in diesem Berufsfeld nichts schaden kann.
Dann ersetze ich meine Person gedanklich in Arbeitsalltagssituationen durch einen Bänker, durch einen Physiker, einen Bäcker, einen Seifenblasenpuster und durch Günther Jauch. Das Kopfkino malt mir ein Grinsen ins Gesicht. Durch die Offenheit meiner Klienten, hätten sie alle zusammen sicherlich einen amüsanten Nachmittag. Auf Dauer bezweifle ich jedoch, dass hier irgendwem ein Fortkommen im Leben gesichert wäre.
Der Bänker wäre sicherlich eine Hilfe im Bereich Finanzen, der Bäcker könnte einen Teil der Grundversorgung sicherstellen, der Seifenblasenpuster für kurzzeitige Erheiterung sorgen und der Physiker und Günther Jauch,.. wie auch immer.
Die Menschen mit denen ich arbeite, verlangen von mir ständige Aufmerksamkeit, sei es bewusst oder unbewusst. Es gilt Verhaltensweisen zu verstehen und zu interpretieren, nicht nur an der Oberfläche zu kratzen, sondern den Menschen als Ganzes zu verstehen – und manchmal auch dabei zu helfen, dass er sich selbst als Ganzes versteht. Lösungswege zu finden, die eine Person nicht bevormunden, sondern für sie passgenau und umsetzbar sind. Während dieser vielen Prozesse darf ich niemals die Bindung zu meinem Klienten aus den Augen verlieren. Und das funktioniert manchmal am besten, wenn man sich an einem einfachen Kickertisch gegenübersteht.
Ich drehe die Medaille.
Die Rückseite zeigt das Logo von „Wer wird Millionär?“.
Auf dem Stuhl sitze ich selbst, die „1-Million-Frage“ habe ich gelöst. Doch die Million setzt sich zusammen aus den vielen Lektionen die ich von den Menschen gelernt habe, mit denen ich arbeite. Nichts, was mir je eine Schule oder Universität hätte beibringen können. Nichts, was mich je weiter gebracht hat.
Die Anstrengung besteht vor allem darin, immer an sich selbst zu arbeiten und niemals stehen zu bleiben.
