Papa als Vollzeitmama und Mama als Vollzeitpapa – Über neue, alte Elternzeitmodelle

Elternzeit ist etwas Wunderbares. Sie bedeutet, sich für ein kleines Wesen vollumfänglich Zeit nehmen zu können, ohne um den Arbeitsplatz zu fürchten oder in ein totales, finanzielles Loch zu fallen (bezugnehmend auf Elternzeit, die in die Elterngeldspanne fällt).

Rund 12,6%* der Eltern mit Kindern unter 6 Jahren machen von dieser Zeit Gebrauch. Laut Statistischem Bundesamt ist damit der Anteil von Eltern in Elternzeit um knapp ein Drittel gestiegen. Das ist gut und richtig so.

Ich möchte im Folgenden meinen Fokus vor allem auf die ersten 12, bzw. 14 Monate legen. Nicht nur in meinem Freundeskreis, sondern auch den statistischen Daten liest sich ab, dass weiterhin die Frauen den Großteil der Elternzeit beanspruchen und zu Hause bleiben. Das gängige Modell folgt der Ausschöpfung des Elterngeldes mit 12 Monaten Kinderbetreuung durch die Mutter, ergänzt durch die zwei Partnerschaftsmonate des Mannes. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies:

Anteil der Frauen in Elternzeit (Kinder unter 3 Jahren): 42,1 %*

Anteil der Männer in Elternzeit (Kinder unter 3 Jahren): 2,7 %*

Das ist eine gewaltige Lücke, die beim Anblick dieser Zahlen klafft. Wir haben 2020 und es scheint, als seien alle Rufe um gleichberechtigte Lebensweisen, moderne Familienbilder und offene Rollenaufteilungen in dieser Thematik passé.

Warum ist das so? Nun, es bleibt zu spekulieren. Zum Einen, weil die tradierten Rollenbilder nach wie vor einen festen Platz in unserem Alltag haben und die Frau als „Care-Profi“ sich ganz selbstverständlich in dieser Rolle einfindet. Zum anderen wird der Gender-Gap und die daran gekoppelten karrieretechnischen Muster der Vergangenheit natürlich auch hier deutlich. Daraus lässt sich aber leider immer noch folgern, dass Elternpaare oft keine gleichberechtigte Beziehung führen (können). Manch einem Mann, liegt es fern, den Job für so lange Zeit auf Eis zu legen. Manch einer Frau traut es ihrem Mann vielleicht auch nicht zu.

Es liegt mir fern, diese Art der Erziehungsverteilung anzuklagen. Aber es scheint, als stelle sich oftmals gar nicht die Frage über eine andere Möglichkeit der Aufteilung.

Als ich schwanger wurde, war für mich relativ schnell klar, dass ich nicht ein ganzes Jahr dem Job fernbleiben möchte. Gleichzeitig war meinem Partner ebenso schnell klar, dass er soviel Zeit wie möglich mit unserem Kind verbringen möchte. In ersten Gesprächen im Bekanntenkreis über diese Vorstellungen kamen schnell Skepsis, aber auch Vorwürfe auf. Diese reichten von leeren und doch vielsagenden Blicken bis hin zu teuren Ratschlägen, der Schaden für das Kind wäre enorm. Diese geballte Wucht an missbilligenden Reaktionen überraschte mich doch sehr. Der jedoch meistgehörte Satz war der Folgende:

„Ach, das kann man so machen?“

Ja, man kann. Ich entschied mich dazu nach vier Monaten zu Hause das erste Mal zurück ins Büro zu kehren. Während der ersten vier Monate nutzte mein Partner seine Überstunden und arbeitete dadurch in „Teilzeit“. Nach drei Monaten Arbeit bin ich nun erneut in Elternzeit, gemeinsam mit meinem Partner. Zusätzlich machte ich von einer Regelung im Mutteschutzgesetz gebrauch, die es stillenden Müttern ermöglicht so genannte „Stillpausen“ zu nutzen. Dieser Anspruch gilt für das erste Lebensjahr des Kindes. Aufgrund meines relativ weiten Fahrtweges zur Diensstelle konnte ich so meine Stunden von 40 auf 35 reduzieren – ohne Gehaltseinbußen. Außerdem ergab sich durch die Rückkehr ins Büro ein Urlaubsanspruch und auch einige Überstunden waren auf dem Konto. Sodass ich selbst in diesen Monaten viel mehr Zeit als gedacht für Zuhause hatte. Für mich fühlt sich das nicht nur nach gleichberechtigtem, negativ formuliert, „Karriereknick“ an, sondern auch nach ehrlicher Gleichberechtigung, letzten Endes auch für das Kind. Denn wo gesellschaftlich immer wieder moniert wird: „das Kind hat einen Recht auf den Vater“, „das Kind braucht beide Elternteile und Vorbilder“ wird das in unserem Falle zum realen Recht auf Mama und auf Papa. Und auch die Sensibilität und Wertschätzung für die „Arbeit“ als Mama oder Papa werden so gestärkt.

Ich wünsche mir, dass sich unsere gesellschaftlichen Diskurse auch in den statistischen Daten widerspiegeln werden. Dazu braucht es Aushandlungsprozesse gleichermaßen wie klare, artikulierte Wünsche und Vorstellungen, aber auch Opfer auf beiden Seiten. Denn auch auf diesem Wege lernen unsere Kinder, wie Partnerschaften auf Augenhöhe aussehen können und starre Rollenbilder nicht immer starr sein müssen.

Ich tippe diese Zeilen und starre auf das Babyphone neben mir. Papa ist ganz oldschool beim Fußball. Neue Wege gehen heißt nicht, keine alten beibehalten zu können.

Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/elternzeit.html