Fremdbestimmung, das ist doch sowas von oldschool. Das gibt es doch gar nicht mehr. Heute geht es doch den Menschen mit Behinderungen viel besser als früher.
Ja, das mag sein. Mit Sicherheit hat sich vieles verbessert. Das hat es sich für alle von uns, aber das heißt nicht, dass es gut ist. Manch einer ist der Meinung, das Thema der Inklusion hätte ausgedient, das Wort selbst wäre ausgelutscht und nicht mehr aktuell.
Wirft man jedoch einen Blick auf die immer noch vorherrschende Fremdbestimmung im Alltag eines Menschen mit Behinderung wird deutlich, dass „Inklusion“ mehr ist, als ein in den Medien breitgetrampelter Begriff.

Die Meisten von uns können sich vermutlich nicht vorstellen, was es bedeutet, ein Leben unter Fremdbestimmung zu führen und in welchem Ausmaß diese ein Leben im 21. Jahrhundert beeinflussen kann.
Wir beginnen beim Frühstück. Ich stehe am Samstagmorgen auf und mache mich auf den Weg zum nächsten Supermarkt – Worauf habe ich heute Hunger? Brötchen, Brot, Müsli? Käse, Avocado, Fleischsalat? Das liegt ganz bei mir. Gehen wir von einem Mensch mit Behinderung aus, der in einer stationären Einrichtung, in einem Wohnheim wohnt. Auch hier gibt es Entscheidungsfreiheiten – die aber bereits im Vorhinein determiniert wurden. Was darf es sein: die Wurst- oder die Käsesorte die es jeden Morgen gibt? Lieber den Apfel oder die Birne? Ich nenne das eine „falsche Entscheidungsfreiheit“. Die Frage ist nämlich nicht mehr, ob ich Brötchen oder Müsli essen möchte, sondern welchen Belag oder wie viel Milch in mein Müsli soll. Das mag trivial klingen, dennoch würde keiner von uns vermutlich unter gleichen Voraussetzungen sein wöchentliches Wochenendfrühstück zu sich nehmen wollen.
Menschen mit Behinderungen haben oftmals auch keinen Einfluss darauf, mit wem sie zusammen wohnen möchten. Geschweige denn mit wie vielen anderen Menschen. Die Platzzahl im Wohnheim ist auf die Größe angepasst. Und auch im teilstationären Bereich liegen die Entscheidungsgewalten nicht bei den Menschen selbst. Erst kürzlich erzählte mir eine Klientin in heller Aufregung, sie müsse bald in eine andere Wohnung ziehen. Dies wurde so von der Einrichtung beschlossen. Wohnen dort, wo es andere sagen.
Viele andere junge Menschen können nicht einmal zuhause ausziehen, weil Mama und Papa – oftmals gleichzeitig in Funktion der gesetzlichen Betreuung – dies untersagen. Die eingehenden Einnahmen zum Monatsanfang die durch den Betreuten erfolgen würden so schließlich wegbrechen. Ein Unding – aber tägliche Realität.
Die persönliche Tages- und Wochenplanung steht in Abhängigkeit von zur Verfügung stehenden Zeitkapazitäten ambulanter BetreuerInnen, auf dessen Hilfe man möglicherweise für die jeweiligen Erledigungen angewiesen ist.

All das sind nur ein Bruchteil an Beispielen dafür, wie aktuell das Thema der Fremdbestimmung im Leben von Menschen mit Behinderungen nach wie vor ist. Leider neigen wir dazu, die eben benannte „falsche Entscheidungsfreiheit“ vor dem Hintergrund der Zuschreibung eines „Behindertenstatus“ zu bagatellisieren, dabei wir selbst unter solchen Umständen in Aufruhr geraten würden.
Der Kampf für mehr Selbstbestimmung ist ein wesentliches Bestandteil bei den Forderungen nach mehr Inklusion. Es darf nicht passieren, dass wir, nur weil wir vielleicht eines Wortes müde sind, die gültigen und angebrachten Ansprüche dahinter zu vergessen bereit sind. Inklusion kann kein Thema eines Jahres sein, kein Begriff der auf „In und Out-Listen“ erscheint. Inklusion ist ein nicht zu diskutierender Lebensstandard, den es zu realisieren gilt.