Es war nichts Neues für mich anders zu sein. Anders im Sinne von Du hast eine oder zwei Krankheiten. Im Sinne von, du siehst anders aus und deswegen sehen dich viele Menschen auch als anders an. Obwohl du es gar nicht bist oder vielleicht gerade deswegen besonders. Niemand hatte mich aber darauf vorbereitet, was es bedeutet schwarz auf weiß von einer gesellschaftlichen Norm abzuweichen, die ich nicht einmal bestimmen konnte. Geschweige denn, dass mich jemand gefragt hätte ob ich zur Norm gehören möchte oder nicht. Gesellschaftliche Normen sind ungeschriebene Gesetze, die oftmals akribischer geahndet werden, als jene die in unseren Gesetzesbüchern verankert sind. Denn derjenige der das Urteil „abweichend“ oder „passend“ verlauten lässt, ist nicht ein Richter in Schwarz-weißer Kutte, sondern in unserem Land eine ca. 80 Millionen starke Geschworenen-Gemeinschaft, aus der jeder zuvor von seinem Nachbarn bestochen wurde. Es braucht nicht viel um zu verstehen, dass die Stimmen von so vielen viel lauter tönen, als die eines Einzelnen. Umso härter trifft einen am Ende das verlesene Urteil. Es kostete mich schon eine Menge Überwindung mir aus einer freien Entscheidung heraus zuzugestehen, meine eigene Abweichung attestieren lassen zu wollen. Ich wurde jedoch das Gefühl nicht los, dass es irgendwann auch an der Zeit dafür sein musste, für die eigenen Strapazen und Nachteile wenigstens den Hauch eines Ausgleichs erlangen zu können. Und eben solche Ausgleiche sind an Formalitäten gebunden, die uns erst einen Zugang zu diesen ermöglichen. Es muss doch wenigstens ein Bisschen was geben, was für all die Dinge entschädigen könnte, die ich bisher durchlebt habe, dachte ich mir. Also nahm ich letzten Endes all meinen Mut zusammen und tat das, was ich beruflich immer wieder zu erledigen habe. Ich ging auf die Homepage des Landesamtes für Versorgung und Soziales und entschied mich, einen Antrag auf die Feststellung einer Schwerbehinderung auszufüllen. Das fühlte sich in etwa so an, als würde man sich selber aus der Schubladen-Schublade den Stempel für sich selbst aussuchen, auf das Stempelkissen drücken und ihn anschließend auf der eigenen Stirn anbringen. Gleichzeitig war dies auch der Moment, in dem ich mir selber das Etikett zuschrieb, dass ich von anderen Menschen so oft nicht akzeptieren wollte. „Schwerbehinderung“ klang als Wort so weit entfernt von mir, wie Holland von der Weltmeisterschaft. Während der Erstellung des Antrages stellte ich mir immer wieder die Frage, ob ich tatsächlich Schwerbehindert sein wollte. Als wäre das etwas, das man sich aussuchen konnte. Kann man das? Kann man sich aussuchen, ob man behindert ist oder nicht? Ist das tatsächlich eine Frage der Einstellung oder die subjektive Beantwortung nichts weiter als die Darlegung von alternativen Fakten? Eigentlich war die Antwort für mich klar: Nein, ich möchte nicht schwerbehindert sein. Ebenso klar war aber auch, dass ich einen erfolgreichen Antrag zustande bringen wollte, also wollte ich ja doch irgendwie schwerbehindert sein. Eine weitere Stimme in mir versuchte mich darüber aufzuklären, dass ich mich mit meinem „Du-bist-nicht-behindert“-Gehabe von Menschen mit Behinderungen distanzierte, wo ich doch sonst für ihre Inklusion kämpfe. Wer das Eine will, muss das Andere mögen heißt es immer so schön. Ich wollte weder behindert sein, noch mochte ich den Großteil all der Dinge, die meine Krankheiten so mit sich brachten. Das Angestarrt werden, die Krankenhausaufenthalte, die ständigen Erklärungen und Nachfragen.
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Dank meines Jobs wusste ich wenigstens, dass diese Anträge immer eine gewisse Dramaturgie benötigten und so zog ich los, um aus meinem Berichtsfundus die eindeutigsten und schwerwiegendsten Berichte zu filtern und zu kopieren. Ich schilderte meine Benachteiligungen psychischer und physischer Natur und versuchte das Schlimmste aus meinen Erkrankungen rauszuholen. Während ich durch die zahlreichen DIN A4 Seiten blätterte, erinnerte ich mich an jeden Einzelnen Krankenhausaufenthalt der hinter den Berichten steckte, an all die Anstrengungen und die Kraft die ich bis hierhin aufbringen musste. Die Zuspitzung meiner Krankheitserfahrung offenbarte sich mir nicht nur als Abbild des Leidens oder Ausgestoßenseins, sondern zeitgleich als Abbild meiner eigenen Kraft. Ich hatte das Gefühl, dass ich für all die bescheidenen Dinge bisher ziemlich viel erreicht und durchlebt habe. Dass mich all die Erfahrungen noch stärker gemacht, dass sie mich nicht aufgehalten hatten. Und dass sie einer der Gründe waren, warum es mir so selten den Boden unter den Füßen wegriss. Ich hatte nicht trotz meiner vermeintlichen Schwerbehinderung so viel erreicht, sondern gerade wegen ihr.
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Einige Wochen später öffnete ich den Briefkasten und in meinen Händen lag die Antwort des Landesamtes für Versorgung und Soziales auf meinen Antrag. Ich nahm den Brief aus dem Briefkasten und legte ihn auf meinen Schreibtisch. Dann ging ich zum Balkon, zündete mir eine Zigarette an und starrte auf den Brief auf meinem Schreibtisch.
