„Heute vor fünf Jahren“ kündigt mir Facebook eine vermeintlich schöne Erinnerung an. Meine Augen analysieren die Erinnerung. In einem Gewand, das irgendwie an das Mittelalter verweisen sollte aber nicht mir gehörte, sitze ich auf einer Bank einer Bierzeltgarnitur der Zitadelle in Spandau. Vor mir ein kleiner Junge, der keine Ahnung davon hat, dass ich keine Ahnung vom Kinderschminken habe. Ich versuche trotzdem mein Bestes und tatsächlich kann ich alle Kinder zufrieden stellen. Allerdings war Kinderschminken auf Mittelaltermärkten keine Leidenschaft von mir. Es war ein Mittel zum Zweck, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Ich begann mein Studium in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderungen eines großen Trägers. 40 Stunden die Woche sah mein duales Studium vor. 3 Monate arbeiten, 3 Monate studieren. Das war toll, weil es Praxis und Theorie sinnvoll miteinander verbunden hatte. Weil man besser einschätzen kann, was einen nach dem Studium erwartet – in dem Beruf den man sich ausgesucht hat.
Was nicht so toll war: dass am Ende des Monats 0 Euro von diesem großen Träger auf mein Konto wanderten. Für eine zusätzliche 40-Stunden-Kraft. Was mir zunächst blieb war das Kindergeld, ein wenig Halbwaisenrente und etwas Bafög, später nicht einmal mehr das.
Davon finanziert werden musste eine Wohnung in der Nähe der Ausbildungsstätte, ein Wohnheimplatz für die Zeit an der Uni, ein Auto aus meinen letzten Ersparnissen, da die Hochschule so weit abgelegen war, dass öffentliche Verkehrsmittel gar nicht oder einfach viel zu wenig zur Verfügung standen, Essen, Lernmittel, ein kleines bisschen Sozialleben und eine Fernbeziehung nach Berlin. Die Heimfahrten versuchte ich zu minimieren oder mir durch möglichst viele Mitfahrer halbwegs leisten zu können. Immer in der Hoffnung, dass niemand abspringen würde und so meinen Kontostand wieder um fünf oder zehn Euro minimierte.
Mehrere Gespräche mit der Leitung brachten keine Änderung. Duales Studium ohne Geld oder gar kein duales Studium war das ungeschriebene Gesetz. Meistens blieben mir 10 oder 20 Euro für sämtliche Ausgaben der Woche. Eine Packung Nudeln, eine Packung Tiefkühlgemüse, Pesto, ein Brot und etwas Aufstrich. Eine Cola. Ansonsten Leitungswasser. Vielleicht noch etwas billigen Fusel für die Studentenpartys. Jedes Mal die Angst, ob der Geldautomat noch etwas ausspuckt, die Kartenzahlung an der Kasse von Penny mich nicht in die peinliche Situation bringt, nicht zahlen zu können. Freitag Nachmittag aus dem Erzgebirge nach Berlin fahren, Samstag 10 Stunden Kinderschminken, Sonntag wieder zurück. Alles für ein paar gemeinsame Stunden und etwas Cash auf die Hand.
Die verzweifelte Suche nach einem zweiten Job, der die Haushaltskasse etwas aufbessert. Chancenlos – niemand hat Interesse daran jemanden einzustellen, wenn er immer nur für wenige Monate vor Ort ist. In einer Gegend, in der Arbeits- und vor allem Aushilfskräfte nicht gerade wie Sand am Meer gesucht werden.
Ich war in den drei Jahren des Studiums kein einziges Mal im Urlaub; Studenten, die die Welt bereisen, andere Kulturen kennenlernen und in ferne Länder fliegen existierten zumindest nicht in meinem Leben.

Aber es waren nicht nur Existenzängste die mich umtrieben. Vielmehr ging es oft um ein Gefühl der fehlenden Wertschätzung gegenüber der geleisteten Arbeit. Das den größten Trägern Deutschlands tatsächlich die finanziellen Mittel fehlen sollten um mir wenigstens eine Aufwandsentschädigung zahlen zu können habe ich nie geglaubt. Man wollte es einfach nicht. Ich habe immer versucht, dafür zu kämpfen. Nach erfolglosen Gesprächen wechselte ich den Ausbildungsbetrieb und zog zurück nach Hannover. Dort bot man mir wenigstens eine Aufwandsentschädigung an, die das Zugticket bezahlen konnte. Doch die Rechnung machte ich ohne die Ämter – das Bafög-Amt sah in dieser Aufwandsentschädigung eine getarnte Ausbildungsvergütung, sodass mir der Satz zunächst gekürzt wurde, bevor wir gänzlich getrennte Wege gingen.
Erst in einer letzten Station sicherte man mir bei einem dritten Betrieb eine Ausbildungsvergütung von 450 Euro zu. Immer noch irgendwie lächerlich, aber zu dieser Zeit eine enorme Erleichterung, die mir nicht nur viele Sorgen nahm, sondern auch das Gefühl der Selbstbestimmung und Wertschätzung zurückgab.
Nach meiner Exmatrikulation beschloss die Hochschule eine Mindestvergütung von eben diesen 450 Euro für alle Studentinnen. Plötzlich war jeder Träger in der Lage, diese zu zahlen.
Ich hatte nie die Ansprüche eines luxuriösen Studentenlebens. Aber ich wünsche mir, dass jeder sorgenfrei studieren kann. Ich wünsche mir, dass Existenzängste nicht von der Entscheidung eines Bildungsweges abhängig sind. Ich wünsche mir, dass StudentInnen weiterhin die Kraft haben, gegen solche Missstände anzutreten. Und ich wünsche niemandem das Gefühl einer nicht funktionierenden Kartenzahlung an einer Supermarktkasse.
