Was bleibt nach #wirsindmehr?

Ich bin noch in Dänemark, als ich von der Lage aus Chemnitz höre und mich dazu entscheide, wenige Tage später aus dem hohen Norden in den tiefen Osten zu reisen. Gesagt, getan – Hotel gebucht, Mitfahrgelegenheit inseriert und auf den Weg gemacht. Nach einer Vollsperrung in Dresden erreichen wir mit 1 ½ Stunden Verspätung das als Karl-Marx-Stadt bekannte Chemnitz. Alleine fahre ich weiter zu meiner Unterkunft – noch ein wenig mulmig ist mir bei diesem Gedanken, weiß man doch nicht wie angespannt die Lage tatsächlich sein wird. Also spreche ich noch in der Hotellobby zwei Frauen an die, mit Plakaten ausgestattet, unübersehbar den gleichen Plan haben wie ich. Kaum habe ich meine Frage ausgesprochen antwortet man mir prompt mit einem „Na klar, ich sag dir gleich in welchem Zimmer wir sind – komm einfach vorbei“. Erleichterung macht sich bei mir breit und ich freue mich sehr den Abend in Begleitung verbringen zu können.

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Nachdem mit Gaffa die letzten Pappschilder an Holzstielen befestigt wurden begeben wir uns auf den Weg, wie so viele andere an diesem Tag auch. In der Luft liegt Abscheu gleichermaßen wie Mut und Willenskraft, Leichtigkeit und Neugierde, Fragezeichen genauso wie Ausrufezeichen.

Gerade betreten wir den Platz als uns ein älterer Herr, er konnte es wohl kaum erwarten, mit den Worten begrüßt: „Wir sind 27%! Ihr werdet nie mehr sein!“Ihr werdet nie mehr sein, denke ich mir. Es sollte der einzige Zwischenfall an diesem Tag bleiben. Mittlerweile kommen die ersten Fans für die mitgebrachten Plakate („Ihr seid ekelhafd“, „AFD-Wähler drehen bei Tetris das Quadrat!“) und fragen nach Fotos. Schweigeminute, Reden, Musikbeginn – keine Ahnung wieviele wir sind. Viele, das ist außer Frage. Aber ausreichend um ein Zeichen zu setzen? Bis hierhin ungewiss.

Was folgt sind mit Musik und Gänsehaut gefüllte Stunden, die mich mit Kraft erfüllen, mit unfassbarer Hoffnung und Freude, mit Stärke und Zuversicht.

Nach einiger Zeit verspüren wir ein großes Loch im Magen, als sich eine nette Dame zu uns umdreht: „Naja, eigentlich suche ich hier meinen Mann, für den habe ich was zu Essen geholt. Nun hat er halt Pech gehabt, hier bitte“. Ich glaube noch nie waren drei junge Frauen so glücklich über drei trockene Schrippen – zumindest in unseren Breitengraden.

Hinter mir ein junges Pärchen, dass ich frage woher sie kommen. Aus Wernigerode, aber eigentlich aus Magdeburg. „Wie kommt man denn von Magdeburg nach Wernigerode?“ frage ich. „Mit dem Zug“ entgegnet mir der junge Typ. Seine Freundin und ich schauen uns an und wir beginnen zu lachen.

Langsam bricht die Dunkelheit über uns herein und das Konzert nähert sich dem Ende. Ich gröhle bei den Toten Hosen mit, wenn ich nicht damit beschäftigt bin den Sprechchören zu folgen oder mich umzusehen. Auf den Dächern der Platte neben der Bühne, auf dem Hochhaus hinter uns, dem Parkdeck etwas weiter weg, überall Menschen.

Dann der letzte Ton. Heimweg. Bleibt es friedlich? Ja, sehr sogar. Zufriedenheit. Wir lassen uns in der Hotelbar nieder, wie soviele andere an diesem Abend auch. Der Barkeeper ist gestresst, aber dennoch professionell. Wir warten 1 ½ Stunden auf unser Essen – alles egal. Die Käseplatte, der Salat und der Brotkorb bleiben nicht nur bei uns, sondern werden durch die Reihen der Theke gereicht.

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Obgleich ich ins Bett falle, werde ich erst viel später einschlafen. Nachrichten, Twitter checken. Verarbeiten.

Ich war nie ein großer Demogänger, dennoch politisch interessiert und motiviert. Kann dieses Konzert irgendetwas bewegt haben?

Das hat es – zumindest mich. Das erdrückende Gefühl einer aufstrebenden Rechten macht Platz für Zuversicht und Motivation. Jetzt noch mehr als vorher. Wir waren verdammt wunderschöne 65.000 Menschen. Ich versuche noch mehr Debatten zu führen, Position zu beziehen und zu vertreten, halte Ausschau nach den nächsten Demos, will die nächsten Schritte gehen. Ich will, dass wir noch mehr werden. Und ich habe sogar freiwillig noch einmal die Toten Hosen bei Youtube angemacht.