Ein kleines Mädchen mit Trisomie 21 aus Hamburg verändert die Welt. So lesen sich Schlagzeilen, die die Menschen direkt ins Herz treffen – emotional, weltverbessernd, niedlich.
Und ich gebe zu, mir ging es ähnlich.
Alles begann nach einer Beschwerde an die Hamburger Behörden. Darüber, dass Menschen mit Behinderung einen Ausweis benötigen, einen Ausweis, der nicht noch weiter stigmatisiert, sondern klipp und klar darstellt: Wir sind schwer in Ordnung. Prompt folgte eine Reaktion seitens der Hamburger. Ausgestellt wurde eine Art Extraausweis, der den Namen „Schwer-In-Ordnung-Ausweis“ trug. Solche Zeilen entfachten direkt mein Sozialarbeiterherz.
Wenige Monate später zog dieser Aufruf und das damit verbundene Medieninteresse seine Kreise bis nach Niedersachsen. Auch hier will man es den Hamburgern gleich tun, gar noch einen Schritt weiter gehen. Die Titelzeilen versprechen eine gänzliche Umbenennung des Ausweises. Der neue Name? Basierend auf eingereichten Wünschen der niedersächsischen BürgerInnen.
Doch wann hält so ein Titel schon mal was er verspricht? In einem Land, das fest in den Händen der Bürokratie liegt scheint das alles auch ein wenig zu unkompliziert, zeitgemäß und simpel. Natürlich wird der Schwerbehindertenausweis weiterhin seinen Namen behalten, da müsste schon die Bundesregierung eingreifen. Der neue und im Scheckkartenformat ausgestellte Ausweis besitzt jedoch eine Hülle; und genau diese sollte von einer Umbenennung profitieren.
Eine Entscheidung wurde gefällt: Teilhabe-Ausweis.
Leicht betrübt von den dann doch nur kleineren Änderungsansätzen freute ich mich dennoch über die angeregte Debatte und die unkomplizierte Umsetzung.
Doch kaum ließ ich die Freude zu, streiften die ersten empörten Meldungen durch Facebook und das Internet. Alles Schikane, alles nichtsnutzig, alles Unfug.
In mir drin rotiert es – war meine Freude doch ein zu voreiliger Entschluss? Habe ich etwas in der Debatte übersehen, bin ich in eine Falle der Augenwischerei hineingetappt?
Ich scrolle mich durch die Kommentare und Beiträge, versuche alles zu beherzigen und in meine Gedanken mit einzubeziehen. Doch ich entscheide mich dafür, mir meinen kleinen Funken von Freude nicht nehmen zu lassen. Genauso gut wie wir Bürokratisieren, mindestens genauso gut sind wir im vorlauten und schnellen Meckermodus. Das ist immer leicht und ja, mit Sicherheit, eine Hülle die einen anderen Namen trägt ist längst nicht das was wir wollen. Gleichzeitig sind die heutigen Strukturen über Jahre gewachsen und werden sich nicht von heute auf morgen in Luft auflösen. Der Weg ist noch lang, ebenso wie steinig und schwer.
Ich glaube dennoch, dass auch so etwas eine positive Wirkung hinterlassen wird.
Zum Einen ist diese Debatte das erste Mal in einen Fokus der Öffentlichkeit geraten. Es wurde ein erstes Mal darüber gesprochen, wie wir über Menschen mit Behinderungen sprechen. Wenn wir über Inklusion sprechen, dann reden wir stets über das Abbauen von Barrieren des Bewusstseins, über eine Bewusstseinsschärfung unserer Mitmenschen. Diese kleinen Debatten stellen zumindest einen Anfang dar. Einen Anfang, über den ich mich gerne freue, vielleicht eine der ersten Schneeflocken auf dem Weg zur Lawine. Von Hamburg nach Niedersachen – bis nach ganz Deutschland? Warten auf Synergien.
Lasst uns Schwer-In-Ordnung sein. Fangen wir schon mal bei der Verpackung an, bevor wir die Rezeptur ändern. Lasst uns mal fünf Minuten aufhören zu Meckern!