Am 21. März war es mal wieder soweit – der internationale Tag der Sozialen Arbeit stand vor der Tür und war ein Anlass, um sich auch einmal selbst auf die Schulter zu klopfen und sich selbst zu feiern. Für mich aber auch ein Anlass, um die vergangenen Jahre zu resümieren.
Vor etwa sieben Jahren traf ich eine für mich völlig lebensverändernde Entscheidung: mein beruflicher Weg sollte in die Soziale Arbeit gehen. Eine Vorstellung die noch kurze Zeit vorher undenkbar war. Bereits früh war mir klar, dass ich niemals im sozialen Bereich arbeiten möchte. Mein Taschengeld verdiente ich mir als Fotografin, führte mit 12 Jahren bereits einen der damals erfolgreichsten Design-Blogs und schlug meine Zeit vor dem Computerbildschirm tot – mit Bildbearbeitung, Codes schreiben und Grafiken entwickeln. Der Weg war also klar.
Und dennoch kam alles anders – durch Zufälle die einander bedingten. Und seit der Zeit dieser Zufälle könnte ich mir nichts Passenderes für mich vorstellen. Ich habe einen unglaublichen Wissensdurst, verschlinge Informationen aus meinen präferierten Sozialarbeitsbereichen und habe das Gefühl, nie genug zu wissen.
Aber warum war die Soziale Arbeit, in meinem Falle die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen, so weit weg für mich?
Die Antwort auf diese Frage ist mir mittlerweile klar: Sie waren für mich Unsichtbar. Groß geworden in einer Stadt, in der die größten Träger der Behindertenhilfe mit zahlreichen Einrichtungen verortet sind, waren all diese Menschen für mich nicht existent. Nicht aus Ablehnung – ich konnte sie in meinem ganzen Leben nicht erkennen und finden. Halb so wild, schließlich funktioniert das Leben auch so.
Alle anderen Gruppen waren schon einmal irgendwo präsent für mich geworden: die Armen, die Reichen, die Rollstuhlfahrer, die Alten, die Abgehängten und die vermeintlich Normalen. Die „Asis“, die „Säufer“, die Obdachlosen – sie alle trifft man irgendwo im eigenen Stadtbild.
Aber wo sind die Menschen mit Behinderungen geblieben? Wieso konnte ich sie nicht erfassen?
Aus heutiger Perspektive, mit dem neu gewonnen Wissen und gemachten Erfahrungen ist diese Erkenntnis vor allem bitter und prekär. Wir haben sowohl Parallelwelten als auch –Gesellschaften hervorgebracht, die uns einen professionellen Umgang mit den aus unserer Sicht „Anderen“ vorgaukeln wollen, wir haben Schutzräume geschaffen. Dabei stellen wir uns mit solchen Schutzräumen selbst ein Bein und zeigen mit den Finger auf genau diejenigen, die scheinbar Verursacher sind, dafür, dass andere Menschen Schutz brauchen: uns selbst.
Niemand kann uns die bis heute verpassten Erfahrungen mit Vielfalt je zurückgeben. Was wir uns vorenthalten ist die Auseinandersetzung mit Menschen, die anders als wir zu seien scheinen und doch genauso sind. Wir „entreichern“ uns in sozialen Bezügen, in Aspekten die uns als Menschen ausmachen.
„Man beginnt erst etwas zu vermissen, wenn man es nicht mehr hat“ – heißt es so schön im Volksmund. Liebes Volk – mir ist klar, dass ihr diesen gesellschaftlichen Aspekt nicht vermissen könnt.
Aber kann es nicht genauso schmerzhaft sein, nicht einmal zu wissen, was einem fehlen könnte? Es geht nicht nur darum, die Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, sondern auch unsere eigene.
Tragt mehr Brillen – entdeckt die Menschen von denen wir wissen, dass sie zwar in unserer Stadt wohnen, aber nicht mit uns leben. Ich verspreche Euch – es wird großartig!