Team Wallraff – Nahrung für unsere Anstandsmoral

Derzeit geht ein spürbares Beben durch unsere sozialen Netzwerke, Nachrichten und Printmedien. Auslöser dafür war die gestern ausgestrahlte neue Episode des Team Wallraffs, welches dieses Mal verdeckt in Einrichtungen der Behindertenhilfe ermittelte.

Ich muss zunächst gestehen, dass ich selbst nicht die Sendung gesehen habe. Die Reaktionen im Internet verfolgte ich umso mehr.
Die Menschen zeigen sich entsetzt und erschüttert über die dort aufgedeckten Zustände.  Eine gänzlich nachvollziehbare Reaktion – ist unser Einer doch ein empathisches Wesen, das zusätzlich mit einem starken Gerechtigkeitssinn ausgestattet wurde. Also nutzen wir für uns jede auftauchende Möglichkeit um als Bürger einer starken Demokratie in unserem Land für Recht und Ordnung zu sorgen.

Umso praktischer, wenn man uns den Nährboden dafür direkt ins eigene Wohnzimmer liefert: das Fernsehen. Schließlich finden wir hier immer etwas, das in uns Unmut und Betroffenheit auslöst. Deswegen lieben wir unsere Televisionsgeräte auch so sehr. Sie geben uns die Möglichkeit, uns über Missstände zu informieren und uns unserer tiefsten Moral aufopfernd hinzugeben. Dank des Internets kommen wir zusätzlich in den Genuss, unser Mitgefühl gegenüber den Betroffenen mit anderen Menschen zu teilen. Eine Absicherung, dass wir das richtige Empfinden.

Praktischerweise liefert man uns direkt ein All-Inclusive-Paket: die Sündenböcke müssen wir nicht erst selbst suchen, nein, die gibt es gratis dazu. In diesem Falle die jeweiligen Mitarbeiter und Träger. In anderen Fällen sind es Kulturen, Religionen oder einzelne Persönlichkeiten.

Mit geballten Fäusten und einem Magen voller Wut verleihen wir unserer moralischen Mentalität Ausdruck und ändern – Nichts.

Was für ein Debakel, dass unsere Anstandsmoral genau da endet, wo sie beginnt. In unseren eigenen vier Wänden.

Die Umstände in den Behinderteneinrichtung sind katastrophal, die wehrlosen Menschen dort erfahren Untragbares.

Von Inklusion möchten wir dennoch nicht viel wissen. Eine Wohngruppe mit Menschen mit Behinderungen gleich nebenan? Das wird doch sicher laut, die eigene Wohnqualität doch sinken. Ein Haus kaufen neben einem Wohnheim? Nein, Danke.

Im Urlaub von einer Reisegruppe von Menschen mit Behinderungen belästigt werden, unmöglich. Das eigene Kind mit einem behinderten Kind beschulen lassen? Denkbar hinderlich, wie soll mein Kind denn da vorankommen – Nein, das hält die ganze Klasse nur auf.

Und so bleibt alles wie es ist, es soll so bleiben wie es war – unser Gewissen bereinigt dank einer höflichen Anstandsmoral.