Erfolgreich sein – so lautet wohl eines der erstrebenswertesten Ziele unserer heutigen Gesellschaft. Ein Wort, das uns seit den ersten Lebensjahren begleitet. Die Schule erfolgreich meistern, den Führerschein bestehen, zur Immatrikulation wünscht man uns ein „erfolgreiches“ Studium und später, beim Unterzeichnen des ersten Arbeitsvertrages, soll ein weiterer Meilenstein für unser erfolgreiches Leben gelegt werden.
Erfolg ist letzten Endes auch sexy, er steht für Ruhm und Anerkennung. Bis jetzt kenne ich allerdings kaum einen Kollegen, der eingeladen wurde auf einem roten Teppich zu flanieren, an dem reges Interesse an seinem Schaffen besteht oder der von Journalisten auf Pressekonferenzen zu seinen Plänen befragt wurde.
Doch was bedeutet „Erfolg“ überhaupt? Wie ist er spürbar für adaptierte Jutebeutelträger?
Bereits während der Ausbildung weisen Lehrende mit erhobenem Zeigefinger darauf hin, diese Ausbildung aus reiner „Nächstenliebe“ zu absolvieren, aus der Freude an der Arbeit mit Menschen, nicht etwa um deren Ruhm und Anerkennung zu erlangen. Man erklärt uns, dass wir mit unserem Job an den Rand der Gesellschaft degradiert und oft übersehen werden.
Die Idee, mit der eigenen Berufswahl die Welt ein Stück weit besser zu machen, verkommt zur Seifenblase – eben noch schimmerte sie bunt und golden im Sonnenlicht, steigt dem Horizont entgegen und: zerplatzt.
Sind wir verdammt dazu, niemals zum Erfolg zu gelangen?
Ich selbst verweigere mich diesem Gedanken und behaupte:
Wir sind einer der erfolgreichsten Gruppen überhaupt.
Aber warum? Während unseres Arbeitsalltages müssen wir vor allem Eines Lernen: das Prozesse etwas langwieriges sind und die Details, die Freuden des Lebens, im Kleinen liegen – das große Ganze dabei aber niemals aus dem Blickwinkel geraten darf.
Nach Feierabend bleibt es den meisten von uns verwehrt die vergangenen Stunden ergebnisorientiert zusammen zu fassen. Weder haben wir eine bestimmte Anzahl an Rechnungen oder Arbeitsaufträgen abgearbeitet, noch lässt uns ein Kassensturz einen erfolgreichen Verkaufstag verzeichnen.
Vielleicht aber war dieser Tag erfüllt von kleinen Veränderungen, die die Zukunft einzelner Menschen verbessern kann. Möglicherweise sind wir Klienten ein Stück näher gekommen, die Beziehung konnte sich im Wesentlichen verbessern oder etwas alltägliches, wie in etwa die Uhr lesen, weiter erlernt werden. Für den Großteil der Menschen sind solche Dinge selbstverständlich. Für den Großteil unserer Klienten nicht. Wir pendeln ständig zwischen zwei Welten, einer postulierten makellosen und einer mit Fehler behafteten. Wir tauchen mit unseren Klienten zwischen diesen Welten umher und versuchen die makellose Welt ein wenig realer zu gestalten, und die andere Welt von ihren Pflastern zu befreien oder sie zumindest zu verzieren.
Diese, für die Gesellschaft marginal erscheinenden, Erfolge sind das Ergebnis langer Strecken und einer gezielten Praxis.
Das Leben jedes Einzelnen ist ein unvollständiges Puzzle, meistens fehlt irgendwo noch ein Stück des Randes, oder aber die stark gemusterten Teile haben einfach noch nicht ihren richtigen Platz gefunden. Zu Allem Übel fehlt vielleicht sogar noch das Originalbild, das im Idealfall als Stütze des Zusammenbaus dient.
Ein Erfolg steckt in jedem Puzzleteil, das an seinen Platz gefunden hat. Und nicht etwa erst im fertigen Puzzle.
Adieu roter Teppich – Dich brauche ich nicht.
Ich gehe jetzt Puzzeln und erfreue mich an Sonnenstrahlen.