Tramper, Offenheit und das Internet –eine Liebeserklärung (Teil 1)

Vor Kurzem setzte ich zwei meiner Mitfahrer, die aIMG_20140906_082900ufgrund von Plattformen von Mitfahrgelegenheiten im Internet in meinem Auto Platz nahmen, in Dresden ab. Ich musste nach Berlin und nach dem Aussteigen der beiden Kurzzeitpassagiere war mein Auto leer. Ich fuhr los und setzte den Blinker in Richtung Autobahnauffahrt, als ich an der Straßenseite zwei junge Herren mit einem Pappschild „BERLIN“ sah und in einer Kurzschlussreaktion rechts ran fuhr, das Fenster öffnete und sagte sie sollten sich mit dem Einsteigen beeilen.

Zugegeben, bis dato hatte ich nur eine Erfahrung mit Trampen, als ich auf dem Rückweg einer Reise mit meinem alten Chef von Berlin nach Hannover unterwegs war und er zwei Hippie-Mädchen ins Auto lud.

Meine Beifahrertür öffnete sich und im selben Moment bemerkte ich, dass es drei statt zwei Männer waren, südländischer Herkunft. Kurz stockte mir der Atem als mir bewusst wurde, dass ich die nächsten zwei Stunden mit drei Typen verbrachte, mit denen ich kein einziges Wort gewechselt hatte, keinen Namen kannte, Nichts. Und dann auch noch südländisch! Mama hatte mich immer gewarnt, besonders alarmierend erschien ihr stets der Ausruf: „Amore, Amore!“.
Wobei wir wieder beim Thema Jutebeutel wären..

Ich wehre mich gegen dieses Gefühl, es war sowieso zu spät.

Zwei Wochen später begleitet mich eine Frau in den vierziger Jahren nach Leipzig. Sie ist aufgeregt und sagt, es sei das erste Mal, dass sie alleine eine Mitfahrgelegenheit nutze. Ihr Akzent klingt argentinisch – sie kommt aus Griechenland.
Sie ist Künstlerin, wahnsinnig temperamentvoll und fröhlich. Völlig fasziniert schwärmt sie von unserer so offenen Generation.

Offen?
Sind das nicht immer nur unsere Bier- und Schnapsflaschen? Unsere Handyhüllen zum Aufklappen, ja, die sind auch immer wieder offen. Facebook ist ununterbrochen geöffnet.
Deine Mudda ist offen.

Bei jeder darauffolgenden Autofahrt denke ich über ihre Sätze nach. Und mir fällt nichts ein, was gegen diese Annahme spricht.
Wissentlich lassen wir uns mit jedem Inserat einer Mitfahrgelegenheit auf ein neues Abenteuer ein, vertrauen Menschen, die wir nur kurz am Telefon gehört haben – wenn überhaupt. Wir steigen zu Menschen ins Auto, deren Fahrstil wir nicht kennen.
Unser zweites Ich wie „MiezeAusBerlin“ im OnlineChat sucht zwanghaft nach neuen Menschen, manchmal findet man Freunde, manchmal Partner. Verabredungen mit scheinbar Fremden, die wir nach einem Treffen vielleicht nie wieder sehen wollen. Und dennoch hatten sie einen kleinen Abschnitt unseres Lebens für sich beansprucht.
Einfach so.

Wir verabreden uns zu Demos, zu Partys, zu Picknicks, zu Stammtischen, zum Spielen und zum Sex.
Zum Kochen, zum Helfen, zum Flashmobben. Zu einem Tag nicht bei Facebook sein.
Weil wir Dank des Internets so viele Menschen erreichen können wie wir wollen, manchmal zu viele.
Der Blutdruck unserer Eltern steigt, wenn am Abendbrottisch das WhatsApp-Geräusch ertönt und wir versuchen unauffällig das 3×3 Meter Smartphone aus der Hosentasche zu zücken: zum Scheitern verurteilt – das Display erleuchtet auch noch unter dem Tisch unser Gesicht.
Unsere Leben sind geprägt von einer andersdimensionalen Historie. Wovor sollen wir schon Angst haben, wir kennen keinen Krieg und keinen Hunger. Unser Netzwerk ist so groß, dass Jeder Jeden über irgendeine Ecke kennt.
Wir sind zu Däumelinchens herangewachsen die das „Alleine-Sein“ in Form einer Isolation nicht mehr kennen, weil die gesamte Welt nur eine Daumenbewegung von uns getrennt ist.

Neben mir sitzt der südländische Tramper, wir reden über den Erfolg des Trampens. Er erzählt mir, in Deutschland sei es besonders leicht – die Leute seien hier so offen.

Wir sind offen, die ganze Welt steht uns offen – Hoch lebe das Internet.