Wieviele Jutebeutel bin ich?

Damals, kurz nach dem Abitur und genauso kurz vor dem Studium, stieg diese schier unendliche Spannung auf die groß angekündigte „persönliche Entwicklung“ in mir immer weiter an. Diese wunderbare unendlich angepriesene Freiheit schien mir zu Füßen zu liegen, gleich hier, einen Umzug entfernt.

Persönliche Entwicklung. Gnulkciwtne Ehcilnösrep. Fjsdlfjslkdfjlkswejrioweiorwe.

Ja und jetzt? Fast am Ende des Studiums? Wohin hab ich mich denn bitte entwickelt? Bin ich wirklich reifer geworden, klüger als noch am Beginn des Weges? Habe ich mein Studium verschlungen oder umgekehrt?

In den Straßen Berlins sehe ich junge Männer in Timberland Schuhen und beigen Parkern, die Haare meist triefend nach hinten gegelt – Jurastudent, Wirtschaftsfutzi denke ich mir. Das weibliche Pendant dazu überfliegt, für langsameres Fortbewegen wäre bei all den Terminen immerhin keine Zeit, den Asphalt in den gleichen Schuhen. Ein strenger Pferdeschwanz und einer dieser Taschen mit Lederhenkel komplettiert das Bild.
Auf einer Bank verharre ich und spiele weiter das Klischeeroulette.
Ein Shirt mit lässigem Aufdruck, dazu eine Cap oder eine andere Art von Mütze – Jeans und Sneaker. Grafikdesigner, „Start-Upper“.
Eine junge Frau mit leicht zerzausten Haaren, Nasenpiercing, Stoffhose und ein unifarbenes Spaghettiträger-Top. Auf dem Rücken ein Trekking-Rucksack und in der Hand ein Jutebeutel.
Sozi denke ich mir.

Ich schaue an mir herunter, während meine Gedanken dazu die Melodie von Jeopardy spielen. Nasenpiercing und Jutebeutel.
Sozi, denke ich mir.

Eine Person im Rollstuhl. Behindert denke ich mir.

Bei all diesen Gedanken fühle ich mich ertappt. Wie oft wurde ich in der letzten Zeit wütend über Menschen die dieses achtlose Schubladendenken besaßen, Menschen einfach so – mir nichts dir nichts – kategorisierten und auf ihrer Stirn mit einer Rolle bestempelten.
Alle Welt abseits des amerikanischen Hollywoods betont doch immer die inneren Werte, wie kann es sein, dass ich als zukünftiger Weltverbesserer den gleichen Fehler begehe wie die ahnungslosen Individuen um mich herum?

Ich bin wütend, viel mehr als das, ich bin sauer und empört – IDIGNEZ VOUS, INDIGNEZ VOUS! – und verlasse meinen Platz in der ersten Reihe des Straßentheaters.

Auf dem Heimweg in der Straßenbahn zieht die große graue Stadt an den Fenstern an mir vorbei, durch die Türen betritt sie meinen Waggon. Ein Typ mit I-Phone und Anzug sitzt neben mir und telefoniert, während er seine freie Hand dazu benutzt, seinen Terminkalender im Tablet zu checken.
Wirtschaftsfutzi denke ich mir.

Ach scheiß drauf – dann bin ich eben 10 von 10 Jutebeuteln!!